Zur Lage der Mei­nungs­frei­heit in Ägypten

Fort­set­zung

Es gibt keine freie Presse mehr, aber viele Journalist*innen geben nicht auf

Das Logo der 2013 gegrün­de­ten ägyp­ti­schen Internet-Zeitung Mada Masr. Aus: wikipedia.

Infor­ma­tio­nen zu den will­kür­li­chen Ver­haf­tun­gen sind in den offi­zi­el­len Pres­se­or­ga­nen nicht zu fin­den. Die unab­hän­gige Nach­rich­ten­web­site al-Manassa wurde am 24. Juni 2020 von Sicher­heits­kräf­ten gestürmt und ihre Chef­re­dak­teu­rin vor­über­ge­hend fest­ge­setzt. Im April schal­te­ten die Behör­den die Nach­rich­ten­seite Darb ab. Hun­derte Web­sites sind inzwi­schen ver­bo­ten bzw. bei ägyp­ti­schen Pro­vi­dern blo­ckiert. Ebenso erging es 2017 der unab­hän­gi­gen eng­lisch– und ara­bisch­spra­chi­gen Inter­net­zei­tung Mada Masr. Sie wurde von Jour­na­lis­tin­nen gegrün­det, als 2013 deren Zei­tung Egypt Inde­pen­dent schlie­ßen musste. Mit gro­ßem Auf­wand, um z.B. die Finan­zie­rung zu sichern, star­te­ten die enga­gier­ten Frauen ihr Pro­jekt. Im Novem­ber 2019 wur­den die Redak­ti­ons­räume einer Raz­zia unter­zo­gen, ver­mut­lich weil die Chef­re­dak­teu­rin Linah Attalah zuvor einen kri­ti­schen Arti­kel über den Sohn des Prä­si­den­ten geschrie­ben hatte, der damals dem Geheim­dienst ange­hört haben soll. Der Raz­zia folgte die größte Ver­haf­tungs­welle seit Prä­si­dent al-Sisi 2014 offi­zi­ell an die Macht gekom­men war. Linah Attalah wurde mehr­fach ver­haf­tet, doch die Gruppe Mada Masr, inzwi­schen aus Frauen und Män­nern beste­hend, gibt nicht auf. Auf Face­book, Ins­ta­gram und Twit­ter errei­chen sie ihre Leser*innen und ver­sor­gen sie mit den neu­es­ten Nachrichten.

Frei­heit für Sanaa Seif

Sanaa Seif

Über 200 pro­mi­nente Schauspieler*innen, Filmemacher*innen und Schriftsteller*innen for­der­ten die sofor­tige Frei­las­sung von Sanaa Seif. Die Auto­rin, Akti­vis­tin und Fil­me­di­to­rin wurde ver­schleppt und inhaf­tiert. Sie ist unter ande­rem bekannt durch ihre Arbeit an dem Oscar-nominierten Film „The Square“ und dem preis­ge­krön­ten Film „In the Last Days of the City“.

Was war geschehen?

Sanaa war­tete im Juni 2020 zusam­men mit ihrer Mut­ter und ihrer Schwes­ter vor dem Tora-Gefängnis in Kairo, um einen Brief ihres Bru­ders Alaa Abd el-Fattah zu erhal­ten, der dort seit Sep­tem­ber 2019 inhaf­tiert war. Alaa ist eine der pro­mi­nen­tes­ten und unab­hän­gigs­ten Stim­men der Revo­lu­tion von 2011. Die drei Frauen wur­den von einem Mob unter den Augen der Poli­zei ange­grif­fen, bestoh­len und ver­letzt. Die anwe­sen­den Poli­zis­ten grif­fen nicht nur nicht ein, son­dern feu­er­ten den Mob auch noch zu wei­te­ren Angrif­fen an. Am nächs­ten Tag, als die Frauen Anzeige erstat­ten woll­ten, wurde Sanaa von Poli­zis­ten in Zivil in einen nicht gekenn­zeich­ne­ten Mini­bus gezerrt und zur Obers­ten Staats­an­walt­schaft für Staats­si­cher­heit in Ägyp­ten gebracht. Diese ist berüch­tigt dafür, poli­ti­sche Geg­ner– und Kritiker*innen wegen unbe­grün­de­ter „Terrorismus“-Anklagen in ver­län­ger­ter Unter­su­chungs­haft zu hal­ten. Sanaa wurde inhaf­tiert. Die Vor­würfe: „Ver­brei­tung fal­scher Nach­rich­ten“, „Anstif­tung zu ter­ro­ris­ti­schen Ver­bre­chen“ und „Miss­brauch sozia­ler Medien“. Im März 2021 wurde sie zu andert­halb Jah­ren Gefäng­nis verurteilt.

Alaa Abd el-Fattah, der Bru­der von Sanaa Seif — eine Ikone der Protestbewegung

Alaa Abd El Fatah, 2008. Aus: wikipedia.
Alaa Abd El Fatah, 2008. Aus: wikipedia.

Dem inhaf­tier­ten Blog­ger und Akti­vis­ten Alaa Abd el-Fattah wurde im April 2022 die bri­ti­sche Staats­bür­ger­schaft zuer­kannt. 2019 bean­trag­ten Alaa und seine Schwes­tern Mona und Sanaa Seif die bri­ti­sche Staats­bür­ger­schaft über ihre Mut­ter Laila Seif, die im Mai 1965 in Lon­don gebo­ren wurde.

Nun for­dert Alaa Abd el-Fattah eine bri­ti­sche Unter­su­chung der Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen in sei­ner Haft und den Zugang von bri­ti­schen Konsulatsbeamt*innen zum Gefäng­nis. Alaa war seit 2013 mehr­fach in Haft. Er wurde ohne Gerichts­ver­fah­ren zwei Jahre lang in Unter­su­chungs­haft gehal­ten, die gesetz­lich zuläs­sige Höchst­dauer nur für die schwers­ten Ver­bre­chen. 2019 wurde er in einer Poli­zei­sta­tion in Gizeh fest­ge­nom­men, wo er im Rah­men einer Bewäh­rungs­maß­nahme jeden Abend in einer Zelle ver­brin­gen musste. Die Ver­haf­tung erfolgte mut­maß­lich wegen der Ver­brei­tung einer Nach­richt über die Fol­te­rung und den Tod eines Mit­ge­fan­ge­nen. Eine Urteils­be­grün­dung gibt es nicht, die Ver­tei­di­gung wurde nicht gehört und eine Beru­fung ist nicht mög­lich. „Bei sei­ner Ankunft im Tora-Gefängnis wurde er aus­ge­zo­gen, ihm wur­den die Augen ver­bun­den, er wurde geschla­gen und bedroht“. Seit 2019 sei er „in einer Zelle ohne Son­nen­licht, ohne Bücher, ohne Bewe­gung fest­ge­hal­ten wor­den“, teilte die Fami­lie dem Nach­rich­ten­por­tal Mada Masr mit (Arti­kel vom 11. April 2022). Seit Beginn des Rama­dan befin­det sich Alaa im Hun­ger­streik, um sei­nen For­de­run­gen Nach­druck zu verleihen.

Neu­este Nachrichten

Die unab­hän­gige eng­lisch– und ara­bisch­spra­chige Internet-Zeitung Mada Masr schreibt am 10. April 2022:

Wirt­schafts­for­scher Ayman Had­houd in der Haft gestorben

Der Wirt­schafts­for­scher Ayman Had­houd ver­schwand, seit dem 5. Februar wurde er ver­misst. Einen Monat nach sei­nem Tod in der Haft­an­stalt der staat­li­chen psych­ia­tri­schen Kli­nik von Abbas­seya wurde seine Fami­lie infor­miert, dass er aus unge­klär­ten Grün­den ver­stor­ben sei.

Mada Masr, 21. April 2022:

Bau eines Gefäng­nis­kom­ple­xes im Sinai für bis zu 20 000 Häftlinge

Bereits min­des­tens 16 neue Gefäng­nisse wur­den in der Sisi-Ära gebaut. Ist der Bedarf immer noch nicht gedeckt?

Mada Masr, 24. April:

Sechs poli­ti­sche Häft­linge wur­den frei­ge­las­sen, wei­tere Frei­las­sun­gen sol­len folgen

Min­des­tens sechs poli­ti­sche Häft­linge, die jah­re­lang ohne Gerichts­ver­fah­ren oder Ermitt­lun­gen inhaf­tiert waren, wur­den am Sonn­tag auf Anord­nung der Staats­an­walt­schaft frei­ge­las­sen. Ein Mit­glied des Natio­nal­rats für Men­schen­rechte berich­tete, dass wei­tere 41 poli­ti­sche Gefan­gene frei­ge­las­sen wer­den sollen.

Die Men­schen­rechts­si­tua­tion in Ägyp­ten wurde nach dem auf­se­hen­er­re­gen­den Tod des Wirt­schafts­for­schers Ayman Had­houd und dem Hun­ger­streik von eini­gen poli­ti­schen Gefan­ge­nen in den letz­ten Wochen von den USA ver­stärkt unter die Lupe genom­men. Die US-Regierung hat kon­se­quent einen klei­nen Teil ihrer jähr­li­chen Ver­tei­di­gungs­zu­sa­gen (1,3 Mil­li­ar­den Dol­lar) ein­be­hal­ten, 2021 waren dies 130 Mil­lio­nen US-Dollar. Sie sol­len erst aus­ge­zahlt wer­den, wenn recht­li­che Unter­su­chun­gen gegen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tio­nen und die Ankla­gen gegen 16 Per­so­nen fal­len gelas­sen wer­den. Den­noch geneh­migte die US-Regierung Anfang die­ses Jah­res einen Waf­fen­ver­kauf im Wert von 2,5 Mil­li­ar­den Dollar.

Deutsch­land­funk, Januar 2022:

Die Bun­des­re­gie­rung geneh­migt im Jahr 2021 Rüs­tungs­ex­porte nach Ägyp­ten im Wert von mehr als vier Mil­li­ar­den Euro

Ägyp­ten liegt nun auf Platz zwei deut­scher Rüs­tungs­ex­porte. Dass ein deut­scher Regie­rungs­spre­cher kürz­lich erklärte, die Men­schen­rechts­lage sei noch ver­bes­se­rungs­wür­dig, dürfte Sisi eher wenig beein­dru­cken, meint Mar­kus Bickel von Amnesty International.

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Lina Attalah, Chefredakteurin. Aus: wikipedia.
Lina Attalah, Chef­re­dak­teu­rin von Mada Masra. Aus: wikipedia.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15. Februar 2022: Sechs NGOs forderten Belgien und die EU auf, al-Sisi keinen roten Teppich auszurollen.
15. Februar 2022: Sechs NGOs for­der­ten Bel­gien und die EU auf, al-Sisi kei­nen roten Tep­pich aus­zu­rol­len. Aus: Gale­rie­leiste DW.

 

Im Juni 2021 hat das Berufungsgericht in Kairo zwölf Todesurteile bestätigt. Sechs der Verurteilten waren zur Tatzeit nachweislich in Haft.
Im Juni 2021 hat das Beru­fungs­ge­richt in Kairo zwölf Todes­ur­teile bestä­tigt. Sechs der Ver­ur­teil­ten waren zur Tat­zeit nach­weis­lich in Haft. Aus: Gale­rie­leiste DW.