10. Mai: „Der Tag der Bücherverbrennung“

Fort­set­zung

Grund­lage für die Aus­wahl der zu ver­bren­nen­den Werke bil­de­ten so genannte „Schwarze Lis­ten“ des Biblio­the­kars Dr. Wolf­gang Herr­mann. Die Stadt Ber­lin hatte drei Volks­bi­blio­the­kare, dar­un­ter Dr. Herr­mann, damit beauf­tragt, einen „Aus­schuss zur Neu­ord­nung der Ber­li­ner Stadt– und Volks­bü­che­reien“ zu grün­den. In einem Grund­satz­pa­pier die­ses Ausch­us­ses heißt es u.a.: „Der Kampf rich­tet sich gegen die Zer­set­zungs­er­schei­nun­gen unse­rer art­ge­bun­de­nen Denk– und Lebens­form, d.h. gegen die Asphalt­li­te­ra­tur, die vor­wie­gend für den groß­städ­ti­schen Men­schen geschrie­ben ist, um ihn in sei­ner Bezie­hungs­lo­sig­keit zur Umwelt, zum Volk und zu jeder Gemein­schaft zu bestär­ken und völ­lig zu entwurzeln.“

Dr. Herr­mann war seit 1931 Mit­glied der NSDAP und hatte schon vor einer Weile damit begon­nen eine „Schwarze Liste“ über die Schrif­ten anzu­le­gen, die in den Volks­bü­che­reien und Leih­buch­hand­lun­gen für die Aus­leihe gesperrt und nach und nach aus­ge­son­dert wer­den soll­ten. Die Liste von Dr. Wolf­gang Herr­mann bil­dete die Grund­lage für die “Aktion wider den undeut­schen Geist”, sprich: die Bücher­ver­bren­nung. Bereits am 16. Mai 1933 erschie­nen im “Bör­sen­blatt des Deut­schen Buch­han­dels” die inhalt­li­chen Aus­füh­run­gen von Dr. Herr­mann unter dem Titel: “Prin­zi­pi­el­les zur Säu­be­rung der öffent­li­cen Biblioteken.”

Im Novem­ber 1933 wurde die Reichs­schrift­tums­kam­mer gegrün­det, sie ergänzte und erwei­terte nun fort­lau­fend die ursprüng­li­che “schwarze Liste” von Dr. Herrmann.

Bücher­ver­bren­nung auf dem Opern­platz in Ber­lin (heute: Ber­bel­platz), 10. Mai 1933

Die Liste der zu ver­bren­nen­den Bücher war in sechs Kate­go­rien ein­ge­teilt: Schöne Lite­ra­tur (zunächst 71, dann 131 Schrift­stel­ler und 4 Antho­lo­gien); Geschichte (51 Auto­ren und 4 Antho­lo­gien); Kunst (8 Werke und 5 Mono­gra­phien); Poli­tik und Staats­wis­sen­schaf­ten (121 Namen und 5 Werke ohne Ver­fas­ser); Lite­ra­tur­ge­schichte (9 Ver­fas­ser­na­men); Reli­gion, Phi­lo­so­phie, Pädagogik.

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Col­lage von Titel­sei­ten eini­ger damals ver­brann­ter Bücher

Zu den Büchern, die im Mai 1933 ver­brannt wur­den, gehör­ten z.B. auch die von Kurt Tucholsky. Er hatte bereits 1930 sei­nen Wohn­sitz ins schwe­di­sche Hin­dås in der Nähe von Göte­borg verlegt.

Über die Bücher­ver­bren­nung schrieb Tucholsky damals:

Unsere Bücher sind also ver­brannt. Im Buch­händ­ler­bör­sen­blatt ist eine große Pro­skrip­ti­ons­liste für in vier­zehn Tagen ange­kün­digt. Die­ser Tage stand an der Spitze des Blat­tes im Fett­druck: ‘Fol­gende Schrift­stel­ler sind dem deut­schen Inter­esse abträg­lich. Der Vor­stand des Bör­sen­ver­eins erwar­tet, dass kein deut­scher Buch­händ­ler ihre Werke ver­kauft. Näm­lich: Feucht­wan­ger — Gla­e­ser — Holit­scher — Kerr — Kisch — Lud­wig — Hein­rich Mann — Ott­walt — Pli­vier — Remar­que — Tucholsky — und Arnold Zweig’. In Frank­furt haben sie unsere Bücher auf einem Och­sen­kar­ren zum Richt­platz geschleift. Wie ein Trach­ten­ver­ein von Oberlehrern.”

Bert­hold Brecht beschrieb die dama­li­gen Ereig­nisse in einem Gedicht so:

Als das Regime befahl, Bücher mit schänd­li­chem Wissen/ Öffent­lich zu ver­bren­nen, und allenthalben/ Och­sen gezwun­gen wur­den, Kar­ren mit Büchern/ Zu den Schei­ter­hau­fen zu zie­hen, entdeckte/ Ein ver­jag­ter Dich­ter, einer der bes­ten, die Liste der/ Ver­brann­ten stu­die­rend, ent­setzt, dass seine/ Bücher ver­ges­sen waren. Er eilte zum Schreibtisch/ Zorn­be­flü­gelt, und schrieb einen Brief an die Machthaber./ Ver­brennt mich! Schrieb er mit flie­gen­der Feder, ver­brennt mich!/ Tut mir das nicht an! Laßt mich nicht übrig! Habe ich nicht/ Immer die Wahr­heit berich­tet in mei­nen Büchern? Und jetzt/ Werd ich von euch wie ein Lüg­ner behan­delt! Ich befehle euch:/ Ver­brennt mich!” (Brecht meint damit Oskar Maria Graf).

Auch die Bücher von Alfred Döblin lan­de­ten im Mai 1933 auf den Schei­ter­hau­fen der Bücher­ver­bren­nun­gen. 1929 war er auf­grund sei­nes welt­be­rühm­ten Romans “Ber­lin Ale­xen­der­platz” für den Nobel­preis vor­ge­schla­gen wor­den. Der NS-Staat erklärte den Schrift­stel­ler und Psych­ia­ter, der aus einer assi­mi­lier­ten jüdi­schen Fami­lie stammte, nun zum “Asphalt­li­te­ra­ten”. Döblin hatte mit sei­ner Fami­lie bereits einen Tag nach dem Reichs­tags­brand Deutsch­land ver­las­sen. Für wenige Monate lebte er in der Schweiz, ab Sep­tem­ber 1933 in Paris.

Die Liste der damals ver­brann­ten und ver­bo­te­nen Auto­ren ist lang. Und nicht nur die offi­zi­el­len Biblio­the­ken wur­den gesäu­bert. Auch viele Pri­vat­haus­halte sor­tier­ten aus oder stell­ten die ent­spre­chende Lite­ra­tur zumin­dest in die zweite Reihe. Bei Haus­durch­su­chun­gen wurde stets auch nach ver­bo­te­ner Lite­ra­tur gesucht und den jeweils Fest­ge­nom­me­nen zur Last gelegt.

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Während der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ Ende Januar 1933 war Lion Feuchtwanger zu Vorträgen in England und den USA. Eine Rückkehr nach Deutschland erschien unmöglich, da Feuchtwanger für die Nationalsozialisten einer ihrer intellektuellen Hauptgegner war. Im Mai wurden seine Bücher verbrannt. Sein Name steht bereits auf der ersten Ausbürgerungsliste des NS Staates vom 25. August 1933. Feuchtwanger lebt nun in Frankreich veröffentlicht nun in dem niederländischen Querido Verlag für deutsche Exilliteratur.
Wäh­rend der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Macht­er­grei­fung“ Ende Januar 1933 war Lion Feucht­wan­ger zu Vor­trä­gen in Eng­land und den USA. Eine Rück­kehr nach Deutsch­land erschien unmög­lich, da Feucht­wan­ger für die Natio­nal­so­zia­lis­ten einer ihrer intel­lek­tu­el­len Haupt­geg­ner war. Im Mai wur­den seine Bücher ver­brannt. Sein Name steht bereits auf der ers­ten Aus­bür­ge­rungs­liste des NS-Staa­tes vom 25. August 1933. Feucht­wan­ger lebte nun in Frank­reich und ver­öf­fent­lichte in dem nie­der­län­di­schen Que­rido Ver­lag für deut­sche Exilliteratur.

 

Kurt Tucholsky (1890– 1935), eine Aufnahme von 1928 in Paris.
Kurt Tucholsky (1890 –1935), eine Auf­nahme von 1928 in Paris.

 

Bertold Brecht (1898– 1956). Schon vor 1933 störten Nationalsozialisten mehrfach Aufführungen seiner Theaterstücke.
Ber­told Brecht (1898– 1956). Schon vor 1933 stör­ten Natio­nal­so­zia­lis­ten mehr­fach Auf­füh­run­gen sei­ner Theaterstücke.

 

Alfred Döblin (1878  1957)
Alfred Döblin (1878 1957)

 

Thomas Mann (1875 – 1955). Auch Werke des damals weltberühmten Verfassers der "Buddenbrooks" und Nobelpreisträger von 1929 landeten im Mai 1933 auf dem Scheiterhaufen.
Tho­mas Mann (1875 – 1955). Auch Werke des damals welt­be­rühm­ten Ver­fas­sers der “Bud­den­brooks” und Nobel­preis­trä­ger von 1929 lan­de­ten im Mai 1933 auf dem Scheiterhaufen.